Rechte Hooligans wollen erneut in Hellersdorf „gegen Gewalt“ marschieren

Am 28. Mai 2016 soll in Berlin-Hellersdorf erneut eine Hooligan-Demonstration stattfinden. Der rechtsoffene Aufzug unter dem Motto „Gegen Gewalttätige Übergriffe An Frauen Männer Kinder & Tieren“ (Fehler im Original) versteht sich als Fortsetzung der gleichnamigen Demonstration vom 19. März 2016. Ein sich mit Hitlergruß profilierender rechter Fußball-Hooligan ist erneut Anmelder und Initiator. Ein Beitrag von Antifaschist*innen aus Marzahn-Hellersdorf

Erste Demo im kleinen Kreis

Am 19. März fand eine ähnliche Veranstaltung „gegen Gewalt“ statt. Aufgerufen hatte der Hohenschönhausener BFC-Fußballfan und Inhaber einer Sicherheitsfirma Steven Koek. Gegen 17:30 Uhr versammelten sich die ersten Teilnehmer*innen am U-Bhf Cottbusser Platz an der Bushaltestelle Richtung Mahlsdorf. Ihre Zahl stieg bis kurz nach 18:00 Uhr auf ca. 30-40 Personen an. Die damalige Strecke führte den Aufzug die Hellersdorfer Straße entlang bis nach Kaulsdorf-Nord. Dort endete die Versammlung kurz nach Eintreffen am U-Bahnhof. Wie von den Veranstaltenden zuvor angekündigt, gab es keine ausführlichen Redebeiträge. Lediglich ein Transparent mit der Aufschrift „STOPT 2016 MISSBrauch Gewalt.Frei!“ [sic!] wurde an der Spitze der Demo mitgeführt sowie ein Schild mit dem Ausruf „Finger von unseren !Kindern“ [sic!].

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Fotoquelle: www.flickr.com/photos/theoschneider/25887040016/in/album-72157663796806284/

Die Polizei war mit einem massiven Aufgebot von mehreren Hundertschaften, einer Hundestaffel sowie Sanitäter*innen schon ab 15:00 Uhr im Umfeld des U-Bahnhofes Cottbusser Platz zugegen. Sie fuhr die Straßen des Wohngebietes zwischen Helle Mitte und Cottbusser Platz ab und führte Personenkontrollen durch.

Im Vorfeld fand auf dem Hellersdorfer Alice-Salomon-Platz ab 15:30 Uhr eine Kundgebung gegen Rassismus statt. Durch die bereits frühzeitig und unabhängig von der Demo geplanten Veranstaltung, mussten die Initiatoren des rechten Hooligan-Aufzuges ihren ursprünglichen Treffpunkt eine U-Bahnstation weiter an den Cottbusser Platz verlegen.

Bereits am Nachmittag hatten sich einige lokale „Autonome Nationalisten“(„ANB“) im Umfeld der antirassistischen Kundgebung gezeigt. Sie wurden von der Polizei mit Platzverweisen belegt, sodass sich die Gruppe in den in Hellersdorfer Nazi-Kreisen beliebten Biergarten „Viwa“, ebenfalls am U-Bahnhof Cottbusser Platz gelegen, zurück zog.

Ein Gruppe Neonazis um den Marzahner NPD-Chef beobachtete die Versammlung vom Imbiss Viwa aus, beteiligte sich aber nicht. // Knapp 40 Personen beteiligten sich an einem Aufzug gegen Gewalt, angemeldet vom rechten Hooligan Steven Koek, am U-Bahnhof Cottbusser Platz in Hellersdorf.

„Autonome Nationalisten“ und Vertreter der lokalen NPD wenige Meter vom „Viwa“ entfernt, Fotoquelle: https://www.flickr.com/photos/theoschneider/25284226223/in/album-72157663796806284/

Im Verlauf der Ansammlung der Teilnehmer*nnen der Hool-Demo zeigten sich dann erneut die aus dem „Viwa“ kommenden „Autonomen Nationalisten“  zusammen mit Vertretern des NPD-Kreisverbandes . Es steht zu vermuten, dass sie eine Konfrontation mit Antifaschist*nnen suchten. Letztlich verblieben die Nazis am Lokal und schlossen sich nicht der Demonstration an. Warum die Neonazis dem Aufzug fernblieben bleibt fraglich. Ein bekannter Nazi-Twitter-Account der „ANB“ schrieb jedenfalls dazu: „#AfA in #Mahe? Heute kaum vorhanden. #Hooligans leider auch kaum. Demzufolge klarer #Reinfall. #B1903 Wir hoffen am #B0204 (rassistische Demo der „Bürgerbewegung Hellersdorf“, Anm. d. Redaktion) wird es besser.“

Die Organisator*innen und Teilnehmer*innen

Das Teilnehmer*innen-Spektrum setzte sich vor allem aus jungen Menschen zusammen, die über den Themenbereich Fußball mit dem Anmelder Steven Koek in Verbindung stehen. Einige von ihnen wurden mehr oder weniger regelmäßig als Teilnehmer*innen ohne Strukturfunktion extrem rechter Demonstrationen beobachtet.

Für eine Verbindung zur politischen Rechten spricht, dass der NPD-Kandidat (Friedrichshain-Kreuzberg) und „Bärgida“-Anhänger Stephan Böhlke die Veranstaltung als Fotograf begleitete. Weitere regelmäßige „Bärgida“-Teilnehmer*innen reihten sich in die Demo ein.

Steven Koek selbst hat einen neonazistischem Hintergrund. Als Demoveranstalter versuchte er sich bereits im November 2014. Koek rief zu einer inoffiziellen „Hogesa“ („Hooligans gegen Salafisten“)-Demonstration unter dem Motto „Das deutsche Volk wehrt sich“ auf.

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Screenshot (20.05.2016), Steven Koek (mitte) ist Inhaber einer Sicherheitsfirma, Fotoquelle: https://www.youtube.com/watch?v=nfmY96dS0Ts

Der Blog „Störungsmelder“ von „ZEIT ONLINE“ schrieb zu dieser Demo: „Organisator des Ganzen ist Steven K., seines Zeichens überzeugter Anhänger des BFC Dynamo und strammer Neonazi. Fotos im Internet zeigen K. beim Hitlergruß, auf seiner Facebook-Seite bezeichnet er sich selbst als Nationalist und bekundet offen seine Sympathie mit der NPD. Der als Security in der Diskothek Q-Dorf arbeitende K., versteht sich selbst als Hooligan, hat sogar eine „Hool“-Tätowierung im Gesicht und ist nach eigenen Angaben „Chef“ der BFC Ultra-Gruppierung „BlackBoys Dynamo“. Er macht zudem im Internet keinen Hehl aus seiner Zuneigung zur HoGeSa und den Hells Angels.“

Sein Kumpane Rick Laske zeigt auf seinem Facebook-Profil seine extrem rechte Gesinnung offen. So finden sich dort Fotos neonazistischer Symbolik, rassistische Beiträge gegen „Asylanten“ und die in Neonazi-Kreisen übliche „Anti-Antifa“-Hetze.

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Screenshot (20.05.2016)

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Screenshot (20.05.2016)

Bei Veranstaltungen der organisierten Rechten waren Steven Koek und Rick Laske in letzter Zeit nicht zugegen. Für eine gewisse Distanz spricht, dass sich sowohl die lokalen „ANB“´ler, als auch Böhlkes Parteifreund Andreas Käfer nicht der Demonstration anschlossen. Es gab auch keine erkennbare Unterstützung des Aufrufes im Vorfeld der Versammlung auf einschlägigen Nazi-Seiten.

Die Unterstützer*innen der Facebook-Seite umfassen jedoch einen bunten Mix aus rechtsoffenen Fußball-Holigans bis hin zu Vertreter*innen der organisierten Berliner Nazi-Szene. Auf der Demo selbst zeigten sich neben augenscheinlichen Hooligans auch mutmaßlich befreundete Familien mit Kindern.

Die Initiative

Für die Demo wurde und wird, zumindest öffentlich einsehbar, ausschließlich über eine Facebook-Seite geworben, die offensichtlich von Steven Koek und mindestens einem Freund, dem Hellersdorfer Rick Laske, betrieben wird. Die Machart der dortigen Beiträge lässt darauf schließen, dass die Gruppierung zumindest teilidentisch mit einer bereits bestehenden Fußball-Hooligan-Verbindung ist. Die Administratoren und viele Kommentator*innen scheinen sich persönlich zu kennen. In Vorbereitung auf die Demo vom 19. März 2016 versuchte Steven Koek eigens angefertigte Accessoires wie Pullover mit dem  Hooligan-Emblem „Die Faust für den Osten“ sowie dem in Frakturschrift verfassten Zusatz „Support Germany Lady/Kid`s“ zu veräußern.

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Screenshot (20.05.2016) Facebook-Seite „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen u. Kinder“

Die erste Demo wurde „wegen Privater Gründen & ein anderes Gruppen treffen“ (Fehler im Original) von Ende Februar 2016 auf den 19.03.2016 verschoben. Auch die neuerlich angekündigte Demo am 28.05.2016 sollte zunächst am 21.05.2016 stattfinden, wurde jedoch verschoben, da „es nicht macht bar ist Arbeiten zu gehen & danach die Veranstaltung zu führen“ (Fehler im Original), wie auf der Facebook-Seite der Initiative zu lesen war.

Sowohl in der Veranstaltungsankündigung als auch in verschiedenen Beiträgen der Facebook-Seite der Demo wird sich nebulös gegen Gewalt ausgesprochen. Es werden u.a. Beiträge offen rechter Medien verbreitet und bereits als unwahr enttarnte Gerüchte gestreut. Im Mittelpunkt stehen immer wieder angebliche oder vermeintliche Übergriffe von Migrant*innen, insbesondere auf Kinder und Frauen. Gewalt und sexueller Missbrauch werden von den Initiatoren der Seite lediglich als Themen benutzt, um eingereiht in einen rassistischen Grundton der Organisator*innen und Unterstützer*innen gegen Migrant*innen Stimmung zu machen.

Hinzukommt die Thematisierung von sozialer Not. So zur Ankündigung der ersten Demo im März: „Danach nehmen wir eine große Spenden Action in Angriff für Behinderte Menschen die kein Glück mehr haben & viele sachen im Leben nicht mehr machen können leider, Hilfe ruf“ auch denn Menschen helfen wir & sind mit Herz dabei unsere Obdachlosen Action war auch voll der Erfolg.“ (Fehler im Original).

Es wird versucht die in der rechten Szene üblichen Schuldzuweisungsmuster zu reproduzieren. Das Thema der sozialen Not dient hierbei lediglich als Schlagwortgeber, um gegen die aus rechter Sicht dafür Schuldigen – vor allem Migrant*innen – zu hetzen. Dies wird vor allem in einem von Steven Koek im Februar 2016 auf Facebook veröffentlichten Video deutlich. In diesem wird ein Zusammenhang der angeblich asylfreundlichen Politik der Bundeskanzlerin und der fehlenden Unterstützung für obdach- oder wohnungslose Menschen hergestellt.

Im Wissen darum, dass viele Anhänger*innen in neonazistischen Kreisen unterwegs sind und um den Schein einer lediglich allgemeinen Thematisierung von Gewalt zu wahren, wurde auf der Facebook-Seite im Vorfeld der rassistischen Demonstration vom 2.4.2016 in Hellersdorf darum gebeten: „Jeder der morgen nach Hellersdorf zu dieser Demo geht, bitte ich es zu unterlassen die Gruppen Jacken, Shirt oder Pullis zu tragen da es ein anderer Hintergrund ist.“

Die Fortsetzung

Die geplante Demo am 28.05.2016 soll um 15:00 Uhr auf dem Alice-Salomon-Platz (U5-Bhf. Hellersdorf) starten und über die Hellersdorfer Str. bis zum S/U-Bahnhof Wuhletal und wieder zurück führen. Wie viele Personen dem neuerlichen Demoaufruf folgen werden, lässt sich nicht verlässlich beurteilen. Inhaltlich gab es bisher keine erkennbare Veränderung zum vorangegangenen Aufzug. Bisher ist nicht ersichtlich, ob sich weitere neonazistische Gruppierungen der Demo anschließen werden bzw. für diese öffentlich werben.

Dennoch darf dieser rassistische Versuch der Instrumentalisierung von Gewalt und sexuellem Misbrauch nicht ignoriert werden. Es bedarf weiterer Aufklärung der Öffentlichkeit über die Organisatoren und deren politische Motive. Unter dem Deckmantel der angeblichen Sorge vor gewalttätigen Übergriffen und vorgebend soziale Not thematisieren zu wollen, versuchen derartige Veranstaltungen rassistische Gewalt zu legitimieren. Es ist davon auszugehen, dass ein erhöhtes Gefahrenpotential auch für Bewohner*innen von Geflüchtetenunterkünften im Umfeld der Demonstration besteht. Daher ist eine frühzeitige Information der Unterkünfte dringend geboten.

Die Organisatoren haben angekündigt, dass sie während des Aufzuges im Besonderen an Kinder „Süßes“ und Luftballons verteilen wollen. Mit dieser Aktion wird versucht, Minderjährige für die politischen Absichten der Veranstaltenden zu instrumentalisieren. Eltern und ihre Kinder sollen dem rechtsoffenen Aufzug einen vermeintlich bürgerlichen Schein geben. Diesen gilt es zu enttarnen.

Gewaltbereite rechte Fußball-Hooligans, die angeblich gegen Gewalt demonstrieren sind nicht harmlos, sondern Teil der rassistischen und zumeist selbst gewalttätigen Mobilisierung in Deutschland.